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Klaus Basner: Anfänge der Gasversorgung in Unna |
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Der Wunsch, in Unna
Gasbeleuchtung einzuführen, wurde zunächst in der Bürgerschaft laut. Das
Motiv war u. a., nicht als hinterwäldlerisch dastehen zu wollen; andere
Städte in der Region – etwa Iserlohn, Lüdenscheid, Witten – besaßen
bereits ein Gaswerk. Als die großen Nachbarn Dortmund (1857) und Hamm
(1858) Gasanstalten errichteten, schien
auch den Unnaern der Zeitpunkt gekommen, ein solches Projekt in Angriff
zu nehmen. Das Bürgerbegehren
war natürlich auch sachlich begründet. Bis weit in die 1. Hälfte des 19.
Jh. hinein war Unna ein ‚Dorf mit Stadtmauerʻ gewesen. 1818 zählte es
knapp 3.500 Einwohner, die überwiegend von Landwirtschaft, Bierbrauen
und Schnapsbrennen lebten. Bis 1849 erhöhte
sich die Einwohnerzahl auf 5.640, d. h. während einer Generation um
62 %. Dadurch wurde der Urbanisierungsprozess beschleunigt. Zu den
Neuerungen, die in dem Zusammenhang eingeführt wurden, gehörte auch die
Straßenbeleuchtung. 1842 wurde sie mit zehn Laternen aufgenommen. Die
Lampen waren von Privatleuten finanziert worden und daher zunächst deren
Eigentum; zur Deckung der Betriebskosten zog man die Hundesteuer heran. Zehn Laternen –
später kamen noch ein paar hinzu – konnten natürlich eine Stadt wie Unna
nicht beleuchten, zumal als Brennstoff pflanzliches Öl verwendet wurde,
dessen Leuchtkraft sich in Grenzen hielt. Den neuesten Stand der Technik
repräsentierte in dieser Hinsicht damals die Gasbeleuchtung. Sie war
1814 in London eingeführt worden, hielt 1825 auch auf dem Kontinent
Einzug – in Hannover – und verbreitete sich anschließend weiter. Dass sich Unnaer
Bürger Ende der 1850er-Jahre dafür stark machten, auch in der
Hellwegstadt Gasbeleuchtung einzuführen, hatte nachvollziehbare Gründe.
Zum einen war die damalige Stadtbeleuchtung, wie gesagt, miserabel. Zum
anderen war durch den zunehmenden Verkehr eine bessere Beleuchtung aber
unabdingbar, wie selbst der Bürgermeister einräumen musste. Mitte der
1850er-Jahre hatte in Unna – mit Einrichtung des Bahnhofs – nämlich der
Industrialisierungsprozess eingesetzt, der ein erhöhtes
Verkehrsaufkommen zur Folge hatte. So viele Ölfunzeln, wie nun nötig
gewesen wären, hätte man – von den finanziellen Problemen ganz abgesehen
– gar nicht aufstellen können. In dieser Situation bot sich
Gasbeleuchtung geradezu an. Sie war nämlich erheblich heller als Öllicht
und – und das war das Wesentliche – die Stadt konnte gleichzeitig mit
den Gewinnen des Gaswerks ihre Einnahmen erheblich steigern – ein
Umstand, der nach wie vor aktuell ist. Da die Stadt den Bau
einer Gasanstalt nicht allein finanzieren konnte, wurde sie in Form
einer Aktiengesellschaft gegründet. Das Werk nahm im November 1860 an
der heutigen Leibnizstraße / Ecke Friedrich-Ebert-Straße seinen Betrieb
auf. [→Karte]
Bemerkenswert ist die Berufsstruktur dieser gut zwei
Dutzend ‚Erstkunden‘: 20 von ihnen (80 %) waren als Wirte,
Bäcker/Konditoren oder Brauer tätig, die meisten von ihnen in allen
drei Sparten gleichzeitig. Das helle Gaslicht erwies sich also in erster
Linie als ein Bedürfnis und eine Angelegenheit der Gastronomie: Die
schummerige Kneipe war passé; wer als Wirt auf sich hielt, hatte
Gasbeleuchtung. 1907 gab es ein ähnliches Phänomen, als in Unna das noch
hellere elektrische Licht eingeführt wurde: Auch unter den 41
Strom-Erstkunden waren Wirte und Hoteliers überrepräsentiert.
Kaufleute waren
1860 unter den Gasabnehmern nur dreimal vertreten (12 %). Dies
überrascht; 1907 bildeten sie unter den Strom-Erstkunden mit 32 % die
größte Gruppe. Rein privaten Zwecken diente der Gasanschluss 1860
offenbar nur in einem Fall.
Welche Kriterien
1860 für die Aufstellung der öffentlichen Laternen galten, ist nicht
überliefert. Aus dem Plan ergibt sich, dass die bedeutenderen Straßen
und Straßenkreuzungen Priorität besaßen (die den Markt kreuzende Nordsüd-Magistrale
Bahnhof- und Hertingerstraße, die Westost-Magistrale Massener und
Wasserstraße sowie die heutige Gerhart-Hauptmann-Straße, damals
Königstraße). Um nach Möglichkeit auch die kleineren Gassen zu
berücksichtigen, wurden zahlreiche Laternen an den entsprechenden
Einmündungen platziert. Gleichzeitig achtete man darauf, den Abstand
zwischen den ‚Lichtpunkten‘ halbwegs konstant zu halten.
Die einfacheren
Wohnbezirke waren schwächer bzw. gar nicht mit Gasleitungen erschlossen.
Besonders deutlich wird dies im Burgviertel im Nordosten. Hier machten
die Anlieger folglich des Öfteren Eingaben mit dem Ziel, ebenfalls
Gaslaternen zu erhalten. Begründet wurde dies damit, man zahle genauso
Steuern wie die Bürger in den Vierteln, die bereits Gaslaternen hätten.
Meistens wurden diese Eingaben abgelehnt mit Hinweis darauf, an der
Beleuchtung der betr. Gasse bestehe kein öffentliches Interesse.
Mitunter wurde den Antragstellern aber auch aufgegeben, in ihrem
Wohnbezirk Werbung für den Gasanschluss zu machen. Komme dabei eine
hinreichende Zahl von Gasneukunden zustande, könne man über eine Laterne
reden.
Der Stadt gehörten, um noch einmal auf die Gründung zurückzukommen, 1860
zunächst nur 25 % der Gasanstalt, sie besaß aber das Recht, jährlich
Anteile in einer bestimmten Größenordnung von den Privataktionären
hinzuzukaufen, so dass sie 1888 Alleineigentümerin werden konnte und
auch wurde. 1890 wurde das Werk
– übrigens auf Beschwerden von Effertz hin – erweitert. Effertz hatte
sich beklagt, dass seine Kuranlagen nicht mehr ausreichend versorgt
würden und bei Festveranstaltungen im Kursaal öfters das Licht ausfiel.
Also baute man neue Öfen ein und erhöhte die Leistung des Werkes. Mit seiner Beschwere
hatte Effertz sich genau genommen aber ‚ins eigene Knie geschossenʻ.
Folge der erhöhten Gasproduktion war nämlich, dass sich häufiger ein
Schwefelhauch über Königsborn setzte und damit auch über seine
Kuranlagen. Die Kurgäste, die angereist waren, um gute, salzhaltige Luft
zu inhalieren, waren alles andere als amused. Im Jahr 1893 brachen die
Gewinne des Kurbades geradezu ein. Für Effertz war die Konsequenz daraus
schnell klar: Die Gasfabrik musste weg. Aber wie? Vor drei Jahren war
sie erst mit viel Geld erweitert worden und auf eine weitere Laufzeit
von 25 Jahren ausgelegt worden. Etwa zur selben Zeit
– im Oktober 1893 – kam es bei der Stadt zu einer Änderung in der
Kompetenzverteilung. Sie war an und für sich unerheblich, für Effertz
sollte sie aber die Rettung aus der Not bedeuten: Und zwar wurde dem
Gaswerksdirektor Schulze wegen vermeintlichen Fehlverhaltens ein
„Oberaufseher“ vor die Nase gesetzt: der an Lebensjahren um einiges, an
Dienstjahren erheblich jüngere Bauamtsleiter Modersohn. Das war für
Schulze zweifellos demütigend. Die beiden Männer – Schulze und Effertz –
mit ihren ganz unterschiedlichen Nöten fanden dann bald darauf zusammen,
und eine Hand wusch die andere. Das Bonmot „Trau keiner Statistik, die
du nicht selbst gefälscht hast“ war damals noch nicht bekannt, wohl aber
das Verfahren, und Schulze agierte ganz in diesem Sinne. Die von ihm in
den folgenden Jahren vorgelegten Zahlen waren derart, dass die
Befürchtung aufkommen musste, dass die Gasanstalt schon in Kürze nicht
mehr in der Lage sein würde, die Stadt zu versorgen, also an anderer
Stelle neu gebaut werden musste. Am 9. März 1897 wurde der Neubau
beschlossen. In derselben Sitzung wurde auch entschieden – ein Schuft,
wer Böses dabei denkt –, Modersohn von der Oberaufsicht über das Werk
wieder zu entbinden. Es wurde dann im Nordosten, an der Zechenstraße,
neu errichtet, wo seine Emissionen die Stadt nicht mehr beeinträchtigen
konnten.
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